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Der unterschätzte Atem

Ein- und ausatmen. Dieser scheinbar einfache und automatische Vorgang spielt für Körper, Geist und Seele eine bedeutende Rolle, die in der westlichen Welt überhaupt erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts erforscht wurde.

Der Atem ist ein weithin unterschätzter Aspekt bei der Gesunderhaltung des Körpers. Allein die Tatsache, dass die Spannungs- und Entspannungs-Nerven Sympathikus und Parasympathikus unmittelbar durch die Atmung beeinflusst werden können, ist ein Hinweis auf die zentrale Rolle des Atems, der auf die vegetativen Funktionen Einfluss nimmt. Wer dauerhaft zu flach atmet, riskiert funktionelle Störungen wie Verdauungsprobleme oder auch Herz-Rhythmusstörungen

Sprachliche Ausdrücke wie „Da stockt mir der Atem“ oder „Jetzt atme erst mal tief durch“, wenn man in einer Stress- oder Angstsituation seine eigne flache Atmung erlebt, zeigen uns im Alltag, dass der Atem und die direkten körperlichen Erscheinungen im Grunde allgegenwärtig sind. Deutlich ist allerdings im Sprachbewusstsein, dass es über die rein vegetative Funktion auch einen direkten Zusammenhang mit der Psyche gibt. Doch in der gegenwärtigen Medizin spielt der Atem als Ansatz für die Gesunderhaltung bislang eine untergeordnete Rolle, wenngleich Psychosomatik und Psychotherapie das Thema teils behandeln.

Der Atem in östlichen und westlichen Kulturen

In asiatischen Kulturen wie zum Beispiel im Yoga, hat der Atem bereits seit 4.000 Jahren eine bedeutende Rolle im Körper- und Gesundheitsverständnis. Die jüdische und christliche Religion kennt sehr wohl den Atem als lebensweckende Kraft – zum Beispiel in der Schöpfungsgeschichte. Doch bleibt der Atem als bewusst eingesetztes Werkzeug viele Jahrhunderte wesentlich auf Klöster beschränkt, in denen zum Beispiel Gebete mit bewusst gesetzten Ein- und Ausatemimpulsen gelernt werden. Hier bekommt der Atem über die physiologische Funktion hinaus eine spirituelle Komponente: das Kommen und Gehen oder Nehmen und Geben drückt sich eben auch im Atmen aus.

„Der Atem ist der lebendige Hauch der Seele, weil sie ihn trägt und sein Schwingvermögen ist, und zwar jedes Mal, wenn der Mensch den Atem in sich einziehen und wieder ausströmen lässt, um so leben zu können“, sagt die im 12. Jahrhundert lebende Mystikerin Hildegard von Bingen und ist damit eine der frühen Verfechterinnen, die die spirituelle und vegetative Funktion gleichermaßen betont. Sie erkannte, dass viele Krankheiten, insbesondere psychische und seelische Leiden, immer in dem Dreigespann von Körper-Seele-Geist betrachtet werden müssten.

In der westlichen säkularen Welt werden diese Zusammenhänge systematisch erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts erforscht. Christian Großheim, der im LIW atem- und körperzentrierte Bewegungsarbeit anbietet, sieht hier im Wesentlichen drei historische Wurzeln:

  • Im Rahmen der Lebensreformbewegung in den 1920er Jahren rebellierten insbesondere Frauen gegen ein mechanistisches Körperverständnis und entwickelten eine spürsame Gymnastik, die einen Fokus auf Atem, Stimme und Bewegung hatte. Vertreterinnen sind hier zum Beispiel Lilly Ehrenfried, Elas Gindler und Hedwig Kallmeyer.
  • Im Rahmen der Beschäftigung mit Gesang und Stimme entwickelten zum Beispiel Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen eine eigene Atem-Methode.
  • Ebenfalls seit den 1920er Jahren gab es persönliche und professionelle Kontakte zwischen Psychoanalyse und Körpertherapien. Hier ist insbesondere die Verbindung des Atemlehrers Cornelis Veening zum Psychotherapeuten G. R. Heyer zu nennen, der ein Pionier einer körper- und atembezogenen Seelenheilkunde war. Bei Veening fand dieser Austausch im atempsychologischen Weg seinen Widerhall.

Aus diesen Quellen haben sich unterschiedliche Atemschulen entwickelt, wovon allein im Berufsverband BV-ATEM mehr als sieben Methoden vertreten sind.

„Ich lasse meinen Atem kommen“

Das Spektrum der atemtherapeutischen Ansätze ist also breit gefächert. Während einige Schulen den Atem gezielt einsetzen, um eine bestimmte heilende Wirkung auf den Körper zu erreichen, geht beispielsweise Ilse Middendorf mit ihrem „erfahrbaren Atem“ einen anderen Weg. Atmen sei so individuell wie ein Gesicht und daher komme es auf das subjektive Erleben und das kognitive Verarbeiten des in der Atemtherapie Erlebten an. Grundsätzlich solle der Atem nicht vom Willen oder Denken gesteuert werden. Leitsatz ihrer Schule ist: „Ich lasse meinen Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selber wieder kommt.“

Ilse Middendorfs Ansatz ist darauf ausgerichtet, mit der Wahrnehmung des Atems das Körperempfinden zu schulen und zu entwickeln. So sieht es auch Christian Großheim: „Bei der Atemtherapie geht es um senso-motorische Lernprozesse, die mit einer inneren Haltung der Achtsamkeit auf die Körperempfindungen und die sich entwickelnde Atembewegung erfahren wird.“

Atemzentrum im Stammhirn verankert

Warum der Atem direkt mit der Psyche zu tun hat, zeigt sich daran, dass das impulsgebende Atemzentrum im Stammhirn verankert ist. Hier werden aus den Sinnesorganen, den Empfindungsbereichen und aus höheren Gehirnregionen Informationen miteinander verknüpft. Und als Gesamtheit sorgt ein Verbund von Nervenzellen dafür, dass der Atem mit vegetativer Regulation, Motorik, Empfindungen und Bewusstseinslage verknüpft ist. Dabei beeinflussen sich die einzelnen Elemente gegenseitig. So wie jeder Reiz von außen, wie zum Beispiel eine beängstigende Situation, unmittelbar die Atmung beeinflusst, so kann die bewusste Atmung im Gegenzug das Angstempfinden verringern.

Dass der Atem jede Zelle mit Sauerstoff versorgt, heißt auch, dass der Gesundheitszustand von Zellen und Organen vom Atem beeinflusst wird.

Atem erleben in allen Lebenslagen

Erlebbar wird der Atem in verschiedenen Übungen, bei denen zum Beispiel mit Körpertonus und der Körperhaltung im Sitzen, Stehen und im Liegen gearbeitet wird. Direkt und indirekt wird das Atemgeschehen auch durch körperliche Bewegungen erlebbar. Mit muskulären Dehnungen und der Arbeit mit bestimmten Druckpunkten im Körper ergeben sich ebenfalls bedeutende Veränderungen. Diese Übungen sprechen die sogenannten drei inneren Atemräume an, die für unter anderem für die Körperhaltung ausschlaggebend sind.

Die drei inneren Atemräume

  • Unterer Raum: Becken und Beine. Sie sind vor allem die Basis, die tragende Kraft.
  • Mittlerer Raum: zwischen Nabelhöhe und 6. Rippenring; wichtigster Bestandteil ist das Zwerchfell. Hier bewegt sich die Kraft, die die Atembewegung weckt, horizontal in die Außenwelt.
  • Oberer Raum: Schultergürtel, Arme, Hals und Kopf. Die bewegende Kraft des Atems zielt hier auf das Seelische und Geistige ab.

Die Atemtherapie geht daher davon aus, dass die Körperhaltung nicht nur durch das Skelett und die Muskulatur beeinflusst wird, sondern die Aufrichtung durch die schwingende Kraft der Atembewegung in allen drei Atemräumen geschehe.

So spiegele die Haltung einerseits das Verhältnis zwischen Geistigem, Seelischem und Körperlichen. Andererseits sei hiermit auch das Verhältnis von Skelett, Organen, Muskulatur und sämtlichen Kreisläufen gemeint. Atem wird so zum zentralen Medium zur Gesunderhaltung des ganzen Menschen.

Seminare im LIW, die das Thema Atem behandeln