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Was Iyengar-Yoga und Teamentwicklung verbindet

Ute Welteroth war als freie Autorin und Regisseurin für den Hörfunk (WDR) tätig. Heute arbeitet sie als Iyengar®-Yoga-Lehrerin und Systemischer Coach (SG). Ihre unterschiedlichen Qualifikationen und Interessen hat sie in einem neuen Ansatz zusammengeführt, der auf den ersten Blick aus zwei unabhängigen Themen zu bestehen scheint. Wie die beiden Themen jedoch miteinander verwoben sind, erläutert sie in diesem Interview.

Frage: Sie bieten Seminare an, in denen Sie Yoga und Teamentwicklung beziehungsweise Gemeinschaftsbildung zusammenführen. Das klingt zunächst einmal nicht sehr naheliegend.

Ute Welteroth: Die Irritation mag zunächst daher rühren, dass Yoga in Deutschland oft auf das Körperliche reduziert und unter dem Gesundheitsaspekt gesehen wird. Dabei geht es im Yoga um die Zusammenführung von Körper, Geist und Seele. Das schlägt sich auch im sanskritischen Begriff nieder, der so was wie Joch, Anschirren, aber auch Zusammenführen bedeutet. Im klassischen Yoga ging es weniger um die Körperübungen, als darum, eine freie wahrhaftige Persönlichkeit zu werden, und sich von Vorlieben, Abneigungen, Sehnsüchten, Ängsten, Wut, Gier und Habsucht etc. zu befreien. Körperübungen und Meditation waren Hilfsmittel für dieses Ziel.

Frage: Nun bieten Sie eine spezielle Ausprägung des Yoga, den Iyengar-Yoga an, der von außen betrachtet, aber gerade den körperlichen Aspekt betont. Da gibt es Hilfsmittel, wie Gurte und Klötze, um bestimmte Übungen zu erleichtern oder genauer ausführen zu können.

Ute Welteroth: Genau da liegt das Missverständnis: Erstens geht es um den Prozess. Zweitens haben die Übungen eine Intention. Es geht zum Beispiel darum, dass der Übende die jeweiligen Veränderungen betrachtet. Drittens haben die körperlichen Übungen auch Einfluss auf den mentalen oder seelischen Zustand.

Denn grundsätzlich geht Yoga davon aus, dass Körper, Geist und Seele zusammengehören. Daher ist es richtig zu sagen, dass sich seelische Zustände im Körper manifestieren. Eine bestimmte Körperhaltung, z.B. ein zusammengezogener Brustkorb, ist Ausdruck eines Seelenzustands. Setze ich beim Körper an, nehme ich aber auch wieder Einfluss auf den seelischen Zustand.

Die angesprochenen Gurte und Klötze sollen bestimmte Körperhaltungen, die im Iyengar-Yoga wichtig sind, erst ermöglichen. Das hat nichts mit Selbstkasteiung zu tun, sondern dass jede Übung abgestimmt ist, beispielsweise eine psycho-mentale Wirkung oder eine biochemische Reaktion auszulösen.

Frage: Wo ist aber die Verbindung zur Teamentwicklung oder Gruppenbildung? Bei der Teamentwicklung geht es doch hauptsächlich um Kommunikationsaspekte oder darum, Schwächen und Stärken der Teammitglieder zu kennen …

Ute Welteroth: Ich kann Teamentwicklung natürlich auf der Ebene der Kommunikation durchführen, indem ich trainiere, wie Teamsitzungen laufen sollten, wer wann was sagen darf, wie Regelkommunikation effizient laufen kann. Das ist alles gut und richtig. Doch solche Methoden arbeiten nur auf der kognitiven Ebene und kommen oft nicht an den Kern, an das grundsätzliche Problem.

Zunächst geht es um die Bereitschaft, sich und andere wirklich kennen zu lernen. Zunächst heißt das, 100% gegenwärtig zu sein, und sich ohne die üblichen Masken des Alltags den anderen in einem vertrauensvollen Raum, den wir kreieren, zu zeigen. Dazu zählt auch zuzuhören, ohne schon eine eigene Meinung oder Antwort zu formulieren. Jede Sichtweise darf erst einmal Raum finden.

Frage: Können Sie das näher erläutern?

Ute Welteroth: Wenn wir im Yoga-Unterricht ein Asana, eine Position durchführen, bitte ich die Teilnehmenden, die Phasen genau zu beachten. Nicht die Endposition – ob Kopfstand oder eine bestimmte Ausrichtung eines Beines – ist entscheidend, sondern der Weg. Und hier passiert es sehr häufig, dass viele Teilnehmenden viel zu schnell meinen, Schritte überspringen zu können und die Zielposition einnehmen zu müssen. Ich bitte sie dann, genau zuzuhören und die einzelnen Phasen mit mir Schritt für Schritt durchzugehen.

Es geht nämlich zunächst darum die Selbstwahrnehmung zu schulen: Was genau passiert, wenn ich beispielsweise versuche, meine Zehen zu spreizen? Dabei möchte ich zum einen, dass die physischen Prozesse betrachtet werden. Was spüre ich wo im Körper, wenn ich die Zehen spreize?

Zum anderen beobachte ich meine Gefühle dazu: Gelingt mir das sofort? Was passiert mit mir, wenn ich das nicht sofort schaffe? Wie geduldig oder ungeduldig bin ich, Übungen wieder und wieder durchzuführen, um eben nur diese scheinbare Kleinigkeit des Zehenspreizens zu erreichen?

Ein Ziel ist, für sich zu erkennen, dass man noch nicht in der Lage ist, seine Zehen zu spreizen. Doch zwischen der Selbstaussage „Das geht nicht“ zum „Ich kann es noch nicht“ liegen Welten. Was ich hier im Kleinen am eigenen Körper übe, hat Einfluss auf meine eigene Haltung, die Entfaltung meiner persönlichen Potentiale, und auf mein Verhältnis zu anderen.

Frage: Das heißt, es geht zunächst um die Beobachtung …

Ute Welteroth: Beobachtung ist für mich zu sehr der nicht-teilnehmende Blick von außen. Es geht nicht um Abspaltung, sondern vielmehr Integration. Vielleicht noch einmal ein Schritt zurück: die Beschäftigung mit meinem Körper ist ja mehr als das rein Körperliche. Da haben Sie bei Teilnehmenden bei der Durchführung ganz unterschiedliche Reaktionen von „Das kann ich nicht. Dafür bin ich zu alt“ oder „Aber, ich mache doch gar keinen Buckel“ oder „Die Evelyn kann das viel besser als ich.“ – Da offenbaren sich unterschiedliche Haltungen, die aber eines gemeinsam haben: alle werten zu schnell und sind nicht bei sich.

Frage: Bei sich sein ist der Ausgangspunkt für alle Entwicklungen?

Ute Welteroth: Yoga dient dazu, das eigentliche Selbst, die Seele des Menschen, zu erkennen und die eigenen Potenziale zu entdecken. Das geht nur, wenn jeder zunächst in sich schaut und wahrnimmt, was ist. Im gerade genannten Beispiel heißt das für den einen zu suchen, woher dieses Gefühl „Ich kann das so wie so nicht“ kommt. Denn hinter dieser Aussage steckt ja meist keine einzelne, isolierte und nur in dieser Situation zutreffende Äußerung, sondern eine Grundhaltung, die denjenigen vielleicht schon ein Leben lang begleitet. – Ob nun „zu alt“, „zu jung“, „zu dick“ oder oder. Solche Muster hindern unsere Entwicklung. Entdecken wir jedoch die tieferen Gefühle dahinter, kann gebundene Energie freigesetzt werden. Dann werden die Gefühle zu Freunden, weil sie die Tür zum wahren Selbst öffnen können.

Frage: Jetzt lassen Sie uns auf Teams oder Gemeinschaften schauen. Verstehe ich Sie richtig, dass diese nicht funktionieren, solange das Individuum nicht sein wahres Selbst entdeckt hat?

Ute Welteroth: Es geht nicht für alle um das „wahre Selbst“. Es geht um Authentizität; darum, dass Reden und Sein in Übereinstimmung kommen.

Erst wenn sich der Einzelne seiner eigentlichen Gefühle bewusst ist, und in der Ich-Form authentisch kommunizieren kann, seine Seele gewissermaßen auf den Tisch legen kann, kann sich eine wirkliche Gemeinschaft formen.

Wenn ich mit Ihnen ein wichtiges Projekt zusammen mache, dann möchte ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Und je mehr Vertrauen in einer Gruppe, Gemeinschaft, in einem Team notwendig ist, desto segensreicher sind solche Prozesse wie die Gemeinschaftsbildung.

Die Gemeinschaft und Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof benutzte zum Beispiel diesen Prozess jahrelang vor ihrer Gründung, um die Basis zu schaffen, auf der dieses Riesenprojekt heute momentan mit 150 Menschen basiert. Sie nennen das WIR-Prozess. Und dieser wird immer wieder regelmäßig als eine Art Klärungsprozess von den Mitgliedern angewandt. Es ist ein hervorragendes Instrument, um untergründig schwelende Konflikte ehrlich anzuschauen. Und es geht dabei weder um Forcieren noch zu schnelles Einlenken.

Wenn eine Gemeinschaft überleben will, müssen Vorurteile über Bord geworfen, der missionarische Eifer aufgegeben werden und der Drang siegen zu wollen. Damit dieses geschehen kann, erfordert es nichts weniger als einen „neuen Menschen“.

Frage: Ist Iyengar-Yoga dann die Vorarbeit für Teamentwicklung oder Gemeinschaftsbildung?

Ute Welteroth: Iyengar-Yoga und Gemeinschaftsbildung sind für mich beides ganz besondere Räume, so eine Art Versuchslabor, um mich, meine Muster, meine Fähigkeit und Wahrheiten, die jenseits des Denkens liegen, zu entdecken und zu erforschen.

Im Iyengar-Yoga ist mein Instrument der Körper. In der Gemeinschaftsbildung ist es die Gruppe. Beides sind außeralltägliche Räume und es ist ein ganz spezielles Setting mit eigenen Regeln notwendig.

Das ist beim Yoga der Lehrer, der mich korrigiert und mich auf Dinge aufmerksam macht und die Methode, die es schwer macht mich oberflächlich durchzumogeln. Und bei der Gemeinschaftsbildung ist es die Gruppe. Ab einer gewissen Phase sind die Mitglieder weder pseudo-höflich, noch laufen sie davon, wenn es zum Konflikt kommt. In beiden Fällen geht es um echten Kontakt, und dadurch um Reibung. Wie beim Schleifen eines Diamanten kann daraus etwas sehr Reines, Schönes entstehen. Aber in beiden Fällen funktioniert es nur, wenn man dran bleibt und nicht bei der ersten Schwierigkeit das Handtuch wirft.       

Das LIW bietet dazu folgende Veranstaltungen an

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