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Hat das Moor seine Schuldigkeit getan?

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Über die Folgen der Moorvernichtung

Wollte man einen Wettbewerb der Ökosysteme veranstalten, läge eines sehr weit vorn: das Moor. Denn Moore machen zwar nur 3 % der gesamten Landfläche der Erde aus, Wälder im Vergleich dazu 30 %. Doch die 3 % Moore speichern doppelt so viel CO2 wie alle Wälder auf der Erde zusammen.

Der Superlativ hat allerdings auch eine Kehrseite: Zwar wurden weltweit nur 0,4 % der Moore entwässert. Dieser an sich kleine Anteil ist aber verantwortlich für 5 % des CO2-Ausstoßes. Anschaulicher formuliert werden pro einem Hektar entwässerten Moor 50 Tonnen CO2-Äquivalent ausgestoßen. Diese Menge an CO2 verbraucht ein Bundesbürger in 26 Jahren für Heizung.

Ursachen für das Moorsterben

Angesichts der angeführten Umstände mag sich der eine oder die andere fragen, warum dann Moore trockengelegt wurden und werden. Während in Ländern wie England der Torfabbau bis in die Römerzeit zurückgeht, waren in Deutschland die meisten Moore bis ins 17. Jahrhundert in einem natürlichen Zustand. Hier war es Friedrich der Große, der mit einem Urbarmachungsedikt maßgeblich zur systematischen Trockenlegung der Moore beigetragen hat. So entstand zum einen neues Siedlungs- und Ackerland, zum anderen wurde Torf vorwiegend für Heizzwecke abgebaut.

Mit dem 20. Jahrhundert entwickelten sich immer effizientere Methoden, Moore zu entwässern und Torf abzubauen. Dabei entdeckte insbesondere der Gartenbau den Torf als Bodenverbesserer.

Schaut man auf die heutige Nutzung, so verteilt sich die Torfnutzung im wesentlichen auf drei Bereiche:

60 % Nutzung im Gartenbau

25 % Hobbygarten

15 % industrielle Zwecke (Heizen und Therapie)

Gründe für die Nutzung von Torf im industriellen Gartenbau

Bis in die 1990er Jahre enthielten Lehrbücher zum Gartenbau ein ungeteiltes Loblied auf den Torf. Hervorgehoben wurden:

  • die hohe Speicherkapazität in Bezug auf Wasser und Nährstoffe
  • die sehr gute Durchlüftungsfunktion: Torf verbessert die Wasserführung in leichten Böden
  • die größtmögliche Sterilität
  • die Nährstoffarmut des Torfs, die eine kontrollierte Aufdüngung ermöglicht
  • die im Verhältnis zum Stallmist langsamere Umsetzung von Nährstoffen im Boden

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Alternativen zu torfhaltiger Blumenerde

Für den Privatbereich werden heute bereits torffreie Erden angeboten. Sie enthalten meist Rindenhumus, Kokos-, Hanf- und Holzfasern sowie Grünschnittkompost. Einige Erden nutzen zudem Düngemittel wie Guano.

Eine weitere Alternative stellt die Terra preta (de índio) dar. Der Name ist etwas irreführend, denn es handelt sich im bodenkundlichen Sinne nicht um Schwarzerde oder Erde, die aus Südamerika importiert wird. Vielmehr ist es eine Bodenaufbereitung mit einer Mischung von Holz- und Pflanzenkohle, menschlichen Fäkalien, Dung, Kompost, Knochen oder Fischgräten. Der Name rührt von der Farbe der Erde her, die durch den hohen Anteil an Kohle sehr dunkel ist. Besonders faszinierend ist, dass die „Schwarzerde“ hohe Nährstoff- und Kohlenstoffmengen speichern kann.

Eine Übersicht für Alternativen finden Sie zum Beispiel hier:

Garten-Ratgeber von Utopia.de

Einkaufsführer torffreie Erden

Neben Terra preta gibt es weitere Ansätze, wie zum Beispiel die Effektiven Mikroorganismen, die unter anderem einen günstigen Einfluss auf die Vergärung von organischen Abfällen haben sollen. Die Forschungslage ist aber bezüglich der Wirksamkeit noch uneindeutig.

An verschiedenen Universitäten, zum Beispiel am Institut für Botanik und Landschaftsökologie an der Universität Greifswald, werden Alternativen insbesondere für die Nutzung im Gartenbau gesucht. Ein Untersuchungsgegenstand ist dabei das Torfmoos, worüber bereits zahlreiche Diplom- und Masterarbeiten geschrieben wurden. Ziel ist es, Torfmoos als neue landwirtschaftliche Kulturpflanze zu etablieren, um einen nachwachsenden Rohstoff zur Herstellung von hochwertigen Kultursubstraten für den Gartenbau zu erzeugen. Das Torfmoos könnte langfristig für Klima, Umwelt und Ökonomie Vorteile bringen. In der Praxis ist der Flächenbedarf sehr hoch und der Ertrag noch weit von einer Wirtschaftlichkeit entfernt, so dass in Forschungskreisen ein „hoher Forschungsaufwand“ konstatiert wird.

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Folgen der Trockenlegungen und des Torfabbaus

Von den rund 500.000 Hektar Hochmoorfläche in Deutschland sind inzwischen nur noch 30.000 Hektar übriggeblieben. Damit reichen die Torfkapazitäten für die noch immer hohe Nutzung in Deutschland längst nicht mehr aus, so dass der Rohstoff derzeit vorwiegend aus dem Baltikum, Weißrussland und Skandinavien importiert wird. Wird der Abbau weiterhin im gleichen Tempo fortgesetzt, werden die Ressourcen in Deutschland in 10 Jahren, mit Einbezug des Auslands nach 50 Jahren erschöpft sein. Somit zählt Torf wie Öl zu den endlichen Rohstoffen.

Die Folgen: Wo immer ein Moor stirbt, werden Pflanzen und Tiere, und damit die Biodiversität, auf Dauer vernichtet. Denn die allermeisten Pflanzen und Tiere im Moor sind Spezialisten, die eben nur dort leben können. Der World Wildlife Fund (WWF) attestiert, dass allein von 177 Pflanzenarten, die hauptsächlich in den Mooren vorkommen, 100 Arten aktuell oder potenziell gefährdet sind. Dabei können die am stärksten gefährdeten Arten fast nur noch in unbeeinflussten Hochmooren nachgewiesen werden. Mit dem Moor sterben Zeugnisse der letzten Eiszeit, entstanden vor 12.000 Jahren, und unvergleichliche Landschaftsbilder.

Wer Biodiversität für einen Kampfbegriff einer politisch motivierten Ökologie hält, mag sich auf die eingangs erwähnten Funktionen der Moore im Gesamtökosystem konzentrieren. Moore sind in diesem Sinne die Nieren der Landschaft. Sie filtern Nähr- und Schadstoffe aus Landwirtschaft und Verkehr in einem Maße aus, wie es kein anderes Ökosystem so erreicht. Jede andere „Dialyse“ ist volkswirtschaftlich wesentlich teurer.

Moor ist nicht gleich Moor

Für gewöhnlich sind Moore in verschiedene Typen unterteilt, wobei Vegetation, Nährstoffgehalt und das Säure-Basen-Verhältnis als Unterscheidungsmerkmale dienen. Daraus werden fünf ökologische Typen bestimmt:

  • Reichmoore (eutroph)
  • Kalk-Zwischenmoore (mesotroph-kalkhaltig)
  • Basen-Zwischenmoore (mesotroph-subneutral)
  • Sauer-Zwischenmoore (mesotroph-sauer)
  • Sauer-Armmoore (oligotroph-sauer)

Eine Besonderheit stellt das schwimmende Moor dar, von dem es in Deutschland nur eines in der Wesermarsch, und zwar in der Gemeinde Jade gibt. Bei der Bezeichnung spielen jedoch die oben genannten Kriterien keine Rolle, sondern das besondere Verhalten des Moors. Das Sehestedter Außendeichsmoor lag ursprünglich im Binnenland, vom Meer durch Marschland getrennt. Bevor im 12. Jahrhundert erste Deiche errichtet wurden, drangen Sturmfluten regelmäßig bis zum Moor vor. Dabei wurde das Moor samt seiner (hölzernen) Bauten vom Wasser angehoben, was diese in der Regel unbeschadet überstanden.

Moorschutz: Erfolge und Zweifel

Nicht zuletzt weil sich die unglaubliche Wirksamkeit der Moore herumgesprochen hat, gibt es vielerorts Bestrebungen, Moore zu renaturieren. Der zentrale Ansatz dabei ist, die Landschaften wieder zu vernässen. Bürgerschaftliches Engagement spielt hierbei eine große Rolle, wie sich am Beispiel des Dorumer Moors zwischen Bremerhaven und Cuxhaven zeigt. Der Bremer Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND) hatte seit 2013 zusammen mit dortigen Touristikverbänden mittels Klima-Zertifikaten Gelder für eine Vernässung des Dorumer Moors gesammelt. 846 von 2.675 Anteilsscheinen je 20 € waren nach nur 12 Monaten bereits verkauft, Anfang 2017 schließlich auch die restlichen Anteile. Seit 2015 wurde das Moor wieder vernässt. Das Modell hat Schule gemacht, so dass mittlerweile in vielen Regionen Moore renaturiert werden.

Kritische Stimmen meinen jedoch, dass die Vernässung kaum oder erst sehr spät wirksam wird. Denn – so ein Argument – seien erst einmal die typischen Moorpflanzen vernichtet, könne das Ökosystem nicht vollständig wiederhergestellt werden. Allerdings gibt es hierzu bislang wenig Erfahrung. Denn ein komplexes Ökosystem, das über 12 Jahrtausende gewachsen ist, lässt sich nicht in wenigen Jahren wiederherstellen.

Manches Mal wird die Renaturierung auch anderen Nutzungskonzepten entgegenstehen. Als 2017 ein Teilstück der Autobahn A 20 in Mecklenburg Vorpommern weitflächig einbrach, wurden kurze Zeit später Stimmen laut, die eine Vernässung eines Moores mitverantwortlich für den Einsturz machten.

Die Vernässung hat jedoch schon jetzt einen unabweisbaren Effekt: Das CO2, das vormals durch die Austrocknung austreten konnte, wird nun wieder gebunden. Einen weiteren positiven Effekt hat ein renaturiertes Moor: es kann zur Kühlung der Landschaft und somit zum Klimaschutz beitragen.

Bei den folgenden Seminaren wird u.a. auch das Thema Moor und Moorschutz behandelt

Bildquelle: Moorlandschaft in der Rhön © Martin Kaiser